UNESCO-Projekttag 2008„Nebeneinander - Miteinander - Heimat finden. Wie viel Integration brauchen wir?“Grenzdurchgangslager Friedland - Zentrum für Integration - |
Das Grenzdurchgangslager Friedland wurde im September 1945 auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht zur Durchschleusung und ersten Betreuung von Evakuierten und Flüchtlingen eingerichtet. Friedland wurde gewählt, weil es an der Schnittstelle der britischen-, amerikanischen- und sowjetischen Besatzungszone lag. In der Folgezeit wurden neben den heimkehrenden Kriegsgefangenen die unterschiedlichsten Flüchtlingsgruppen aufgenommen. Darunter waren z.B. Flüchtlinge aus Ungarn, die während des Aufstands 1956 kamen, "boat people" aus Vietnam in den 1970er Jahren und heute jüdische Zuwanderer.
Das Grenzdurchgangslager Friedland hat sich in diesen Jahren den Namen "Tor zur Freiheit" erworben. 2005 konnte das 60 jährige Bestehen im Beisein des Bundespräsidenten und des Niedersächsischen Ministerpräsidenten gewürdigt werden.
Heute ist das Grenzdurchgangslager Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung in Deutschland für Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen. Sie kommen fast ausschließlich aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Von der Außenstelle des Bundesverwaltungsamtes werden sie nach der Ankunft registriert und auf die Bundesländer verteilt. Die Unterbringung, Versorgung, Betreuung und Weiterleitung erfolgt durch das Grenzdurchgangslager Friedland. Es wird bei seiner Aufgabe durch die Wohlfahrtsverbände unterstützt.
Angesichts der rückläufigen Zahlen der zu uns kommenden Spätaussiedler hat sich die Landesregierung dazu entschlossen, freie Kapazitäten für Integrationsaufgaben zu nutzen. Das Grenzdurchgangslager Friedland trägt heute den Namenszusatz - Niedersächsisches Zentrum für Integration -. Spätaussiedlern, die nach Niedersachsen, Bayern und Rheinland-Pfalz zugewiesen werden, können im Rahmen eines Integrationsangebots, das auch die Kinder und Jugendlichen gezielt fördert, an Integrationskursen teilnehmen. Dieses Angebot wird so gut angenommen, dass z. B im September 2007 bis zu 17 Kurse gleichzeitig in Friedland durchgeführt wurden. Die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanzierten Kurse werden von zertifizierten Trägern der Erwachsenenbildung durchgeführt.
Quelle: http://www.mi.niedersachsen.de/master/C3526698_N3525820_L20_D0_I522.html; Abruf am 2.7.2008
Bericht über den Projekttag „Heimat und Integration" der Klasse 11.6 (Kuc, Gra) im Grenzdurchgangslager Friedland
Projektanlass und Planung
In
der Vorbereitung des Projekttags schlagen Schüler der Klasse vor, am Projekttag
eine Exkursion zum Grenzdurchgangslager Friedland durchzuführen, da ein Schüler
der Klasse vor ca. 10 Jahren aus Russland über diese Institution hier eingereist
ist. Er erzählt von seinen Erinnerungen an die Monate, die er dort verbringen
musste, die ihm in durchweg schrecklicher Erinnerung geblieben sind,
Integrationsmaßnahmen, Sprachkurse... haben nach seinen Angaben damals noch
nicht stattgefunden, er erinnert sich, dort nie statt geworden zu sein,
schlechtes Essen bekommen zu haben und dass seine Familie dort gemeinsam in
einem sehr kleinen Zimmern mit Dreier-Etagenbetten untergebracht worden sei
und man die Zeit nur abgesessen und monatelang gewartet habe, bevor seine
Mutter mit der finanziellen Unterstützung von Verwandten selber die Initiative
ergriffen habe, eine eigene Wohnung in Göttingen zu suchen und sich dort auch um
Arbeit zu bemühen. Er berichtet, dass er gehört habe, dass unterdessen viel
Geld für Integrationsmaßnahmen in Friedland investiert worden sei und schlägt
vor, die Institution einmal zu besichtigen, sich die neuen Integrationsmaßnahmen
vorstellen zu lassen und Interviews mit den dort jetzt befindlichen
Spätaussiedlern durchzuführen, um sich einen Eindruck über Angemessenheit und
Gelingen dieser neuen Maßnahmen zu verschaffen. Die Klasse stimmt diesem
Vorschlag einstimmig und mit großem Interesse zu.
Durchführung
In
weiteren Verfügungsstunden hat die Klasse sich allgemein über das Thema
Spätaussiedler genauer informiert. Hintergründe, warum und wann Deutsche nach
Russland ausgewandert sind wurden recherchiert, die Geschichte der
Spätauswanderer in der SU zu Zeiten Stalins und des zweiten Weltkriegs, wo sie
in Nacht- und Nebelaktionen als potentielle Kollaborateure der Deutschen nach
Sibirien und in andere abgelegene und unwirtliche Regionen deportiert wurden,
die Unterdrückung ihrer Kultur in der Folgezeit, die Folgen der Perestroika für
sie und die Wiedereingliederungsgesetze und Bedingungen seit 1989 inklusive der
erschwerten Bedingungen durch die neuen Gesetze seit Sommer 2007 wurden
erarbeitet. Dazu wurden neben verschiedenen Text- und Bildquellen,
Hintergrundwissen der Lehrkräfte und einem Interview mit einer Mitarbeiterin der
Caritas in Friedland vor allem das genaue Wissen des betroffenen Schülers in der
Klasse ausgewertet, der in einem Interview auch seine persönliche
Familiengeschichte und seinen persönlichen Einwanderungshintergrund und seine
folgenden Integrationserfahrungen hier sehr eindrücklich dargestellt hat.
Interessant für die Klasse war dabei vor allem sein Hintergrund als jüdischer
Kontingentflüchtling und seine lebendige Beschreibung der bedrückenden Armut,
die seine Familie in St. Petersburg nach der Perestroika durchlitten hat. So
erzählte er beispielsweise, wie er als sechsjähriger kräftiger Junge heimlich
auf den Markt gegangen sei und Kisten geschleppt habe, um ein wenig Geld zu
verdienen, dass er seiner Mutter dann in die Rocktasche gesteckt habe, um wieder
einmal satt zu werden. Den meisten Schülern der Klasse, war diese Dimension des
Begriffs „Wirtschaftsflüchtling“, den der betreffende Schüler für sich selbst
benutzte, vorher sicher so konkret noch nicht begegnet.
Auch die Schilderung seiner großen Integrationsschwierigkeiten hier in Göttingen, wo er sich ohne Deutsch zu können in einer Grundschule zurechtfinden musste und zu einer Art „Schläger“ entwickelte, da er ausgegrenzt wurde, sich ausgegrenzt und ausgelacht fühlte und sich nicht anders zu behaupten wusste, den Kummer, den er damit seinen Eltern bereitet hat, seine schulischen Schwierigkeiten, da er auf Grund seiner sprachlichen Defizite und seines problematischen Sozialverhaltens permanent in seiner Leistungsfähigkeit unterschätzt wurde, was seine Frustration erhöht und sein Fehlverhalten bestärkt habe.... haben bei den Mitschülern sicher bleibende Einsichten in soziale Zusammenhänge und Dynamiken verschafft und manchen zum Nachdenken bewegt.
Des Weiteren wurden noch einmal die verschiedenen Interviewtechniken und ihre speziellen Anwendungsmöglichkeiten besprochen (Fragebögen- Leitfragen und narrative biographische Interviews mit speziellen Erzählanlässen) wurden kurz vorgestellt und letztere am Beispiel des besagten Interviews mit dem Mitschüler erprobt.
Nachdem
im Vorfeld eine Führung durch das Grenzdurchgangslager organisiert wurde und
Möglichkeiten für die Interviews mit den Mitarbeitern besprochen wurden, stellte
sich kurzfristig heraus, dass die konkrete Durchführung der geplanten Interviews
am Projekttag nur sehr eingeschränkt durchzuführen möglich waren, weil am
Projekttag kein regulärer Betrieb im Grenzdurchgangslager stattgefunden hat, da
dort ein Betriebsausflug und eine Mitarbeiterschulung durchgeführt wurden und
die Organisatorin der Deutschkurse Interviews in den Kursen pauschal ablehnte.
So nahmen wir zunächst an einer sehr interessanten Führung über die Lagergeschichte Friedlands und die aktuelle Situation des Lagers teil. Im Anschluss wurden noch drei Interviews mit Spätaussiedlern durchgeführt, die wir dann doch noch im Lager trafen und die sehr aufschlussreich und interessant waren. So wurden uns tragische Lebensgeschichten, insbesondere in Hinblick auf die Deportationen nach Sibirien im zweiten Weltkrieg erzählt und auch die Probleme, sich nun hier zurechtzufinden, falsche Erwartungen, Enttäuschungen und Heimweh wurden anschaulich dargestellt.
Ergebnisse / Ausblick
Neben Einblicken in die Geschichte und aktuelle Situation der Aussiedler, der bewegten Geschichte des Lagers Friedland und Interviewtechniken, hat das Projekt vor allem persönliche Zugänge und Verständnis für die Situation der Aussiedler, die schicksalhafte Bedeutung der weltpolitischen Entwicklungen auf die individuellen Lebenswege, die soziale und politische Verantwortung, die wir hier auch im Kleinen für das Gelingen von Integration tragen und die Schwierigkeiten in diesem Prozess ermöglicht.
Die durchweg interessanten Recherchemöglichkeiten, Begegnungen und Einblicke des Projekts haben uns im Nachhinein über die Chancen nachdenken lassen, die der so gut erreichbare und außergewöhnlich interessante Ort Friedland für weitere umfangreichere Projekte, z.B. im Rahmen eines WPU - Kurses oder von Facharbeiten ermöglichen könnte.
Fotos: Melanie, 11.6
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