JANUN – Schultour 2005 „Kinderarbeit – nicht mit uns?!“  - Poipet/Kambodscha

Die verkauften Kinder von Poipet
Süddeutsche Zeitung Nr. 4 vom 05./06./07. Januar 2001


Menschenhandel in Kambodscha: "Was hier passiert, ist jenseits von Sklavenarbeit"
An der Grenze zu Thailand hat jeder seinen Preis - für 50 Mark geben Eltern ihre Jungen und Mädchen in die Hände von Geschäftemachern
Von Karin Steinberger


Poipet, im Januar - Sok wurde an einem Donnerstag verkauft. An diesem Tag lernte sie zu lächeln. Denn wer lächelt, der verkauft mehr Lollys. Und wer mehr Lollys verkauft, der bekommt weniger Schläge. So einfach ist das. Sok hat es gelernt zu lachen, wenn das Leben weh tut. Und es hat bislang fast immer weh getan.

Zehn Jahre war Sok alt, als sie von einer fremden Frau mitgenommen wurde in ein fremdes Land, in dem alle Menschen eine fremde Sprache sprachen. Zehn Jahre war sie, als sie lernte, dass die Nächte der schlimmere Teil des Lebens sind, und dass man, wenn man sich ruhig verhält, ein bisschen weniger gequält wird. Wer am Morgen mit weniger als 600 thailändischen Bath, 30 Mark, zurück kam, wurde von den fremden Frauen, die sie jeweils "Grossmutter" nennen mussten, geschlagen und nochmal hinausgeschickt in die Bars und Nachtclubs, zu den blassen Ausländern und den halbnackten Frauen.

Jetzt ist Sok zwölf und wieder zu Hause bei ihrer Mutter, aber natürlich ist nichts so wie vor jenem Donnerstag, an dem sie verkauft wurde. In ihrem Kopf sind die Dinge noch immer durcheinander. Ihre Sprache ist die einer Siebenjährigen, ihr Benehmen das einer Fünfjährigen. Immer wieder schlingt sie sich ein Tuch um den Kopf, macht Grimassen. Wenn man etwas fragt, presst sie die Lippen zusammen und grinst.


"Jeden Tag geweint"

Sok hat die Vergangenheit hinter einem irren Lächeln zurückgelassen. Niemand wird von ihr erfahren, was genau es bedeutet, im Vergnügungsviertel von Bangkok von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens Süssigkeiten zu verkaufen.

Nur manchmal antwortet Sok, ganz kurz; als habe sie keine Zeit für so etwas. Und als spüre sie, dass sie ihre Mutter schützen muss vor der Erinnerung, der Erinnerung daran, dass sie ihr Kind verkauft hat. Sok spricht abgehackt und leise. So leise, dass man sich weit zu ihr vorbeugen muss. "Jeden Morgen wurden wir geschlagen. Erst wenn wir genug verkauft hatten, durften wir schlafen." Sie verdeht die Augen und schaut zur Mutter. 10 Bath am Tag hat jedes Kind für Essen bekommen, 50 Pfennig. Tagsüber wurde sie mit den anderen Kindern in ein dreckiges Loch gesperrt. "Wir haben jeden Tag geweint." Dann wieder Stille. Ho Chong, die Mutter, sagt, dass sie ihr Kind nie verkaufen wollte, dass ihr Mann sie gezwungen habe, dass sie gedacht habe, Sok sei in der Fremde sicherer als hier, dass sie nicht mehr gewusst habe, wie sie die vier Kinder ernähren solle, dass sie jede Nacht geweint habe. Dann schweigt auch sie: Wie soll man erklären, was es heisst, seinen Kindern beim Verhungern zuzusehen, weil man sie nicht ernähren kann. 1000 Bath hat man ihr im Monat für die Tochter versprochen, 50 Mark. Ein guter Preis. Es kamen nur 15 Mark. Aber wo sollte sie sich beschweren? Bei der Polizei? Die Mutter weint. "Ich dachte, sie ist dort einfach eine Süßigkeitenverkäuferin."


Was genau Sok in Bangkok machen musste, weiss ihre Mutter so wenig wie alle anderen. Die meisten Kinder, die zurückkommen, reden nicht. Und die Erwachsenen, die sie verkauft haben, fragen nicht. Letztlich wissen ohnehin alle, dass ihre Kinder in der grossen Stadt oft noch ganz andere Dinge tun müssen als nur Süssigkeiten verkaufen oder betteln. Die meisten kommen mit Geschlechtskrankheiten zurück. Einen Aids-Test macht trotzdem niemand, nicht nur, weil man das Geld dafür nicht hat. Bekannt ist, dass fast jede zweite kambodschanische Prostituierte infiziert ist, darunter viele verkaufte Kinder. Der Handel läuft auch innerhalb des Landes.


Es war also ein Donnerstag, an dem Sok von ihrer Mutter verkauft wurde. Es war nicht schwer, die Kleine loszubekommen - sie nehmen hier ohnehin alles. In Poipet ist Fleischmarkt, da werden Menschen verkauft wie andernorts Reis und Papaya. Poipet: In dieser kambodschanischen Stadt an der Grenze zu Thailand kennt jeder seinen Preis, und hier hat auch jeder seinen Preis. Kaufen kann man alles: Alte, Junge, Krüppel, Babys und Kinder, vor allem Kinder.

Kinder mit schönen Gesichtern und heller Haut für die Männer, die in den Bordellen auf unverseuchtes Frischfleisch warten; Kinder mit kleinen Fingern für die Krabbenfarmen, in denen sie Shrimps pulen, bis sie Infektionen bekommen; Kinder ohne Eltern für die Salzfelder, auf denen sie arbeiten, bis sich das Salz durch ihre Fußsohlen frisst; Kinder mit von Minen abgerissenen Armen und Beinen, die die Touristen dazu bringen sollen, ein paar Bath in ihre Bettelschalen zu werfen; Kinder mit kräftigen kleinen Armen, die so lange auf Fischkuttern arbeiten, bis sie über Bord geworfen werden - billige, kleine Wegwerfmenschen.


Wenn man in den Slums von Poipet nach einer Familie fragt, die eines ihrer Kinder verkauft hat, bekommt man viele Namen genannt. "Der da hinten war in Thailand", sagen sie und deuten auf einen kleinen Jungen, der einfach so herumspaziert, allein. "Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank", sagt eine Frau noch. Vier Jahre ist Sor alt. Seine Haut ist von schorfigen und eitrigen Flecken überzogen. "Hautkrankheiten haben sie alle, wenn sie zurückkommen, die Unterkünfte sind sehr schlecht", sagt der Übersetzer Arifin. Bei Bettelkindern wird bisweilen nachgeholfen, je kränker ein Kind aussieht, desto besser. Rose-Anne Papavero von Unicef sagt, manchen würden Polio- oder andere Viren eingeimpft, um sie zu Krüppeln zu machen. Die meisten werden mit Drogen voll gepumpt, damit sie nicht aufmüpfig werden, nicht weglaufen und nicht schreien, wenn man sie schlägt.


"Das mit der Haut ist das kleinste Problem", sagt Arifin, während er Sor vorsichtig anfasst. Leise und sanft redet er mit dem Jungen. Doch Sor spricht nicht, er reagiert auf keine Frage, keinen Blickkontakt. Er starrt nur in die Gegend. Wie ein Tier im Käfig wird er begafft, die Leute um ihn herum diskutieren, ob er entführt wurde oder ob ihn seine Mutter verkauft hat. "Nur einmal hat er geschrien", sagt Arifin, als wir ihn zu seiner Mutter zurückgebracht haben. "Das war das einzige Mal, dass ich seine Stimme gehört habe."


Keine Gesetze, keine Werte

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt in Südostasien, in der der Menschenhandel so allgegenwärtig ist wie in Poipet. Die Stadt ist eine Ansammlung aus Slums, Casinos und windigen Bordellen. Ein trostloser Ort mit zerrütteten sozialen Strukturen - Zufluchtstätte für ehemalige rote Khmer, Heimatlose und Hungrige. 50.000 Menschen sollen sich hier angesiedelt haben.

Die meisten haben weder Lesen noch Schreiben gelernt, geschweige denn einen Beruf. Sie leben vom Handel an der Grenze, Tausende von Familien am Rande des Existenzminimums. Es dominiert die Atmosphäre geheimnislosen Elends. Für ein wenig Essen verkaufen sie hier ihre Kinder: aus Hunger und weil irgendwann der Wahnsinn zur Normalität wird, wenn man im gesetzlosen Raum lebt.


Mehr als 25 Jahre ist es her, dass die Roten Khmer die Hauptstadt Phnom Penh einnahmen und Kambodscha für Jahre im Bürgerkrieg versank. Das Land um Poipet herum ist noch immer von Minen verseucht. Die Stadt ist ein Gewächs des Krieges und der Armut, ein Ort, an dem Bestechung, Anarchie und Chaos herrschen, hier gelten keine Gesetze, keine Menschenrechte, keine moralischen Werte. Viele Familien leben von dem Geld, das ihre Kinder im Ausland verdienen. Wer ein Kind verkaufen will, fragt die Nachbarin. Der Handel ist noch nicht in den Händen international durchorganisierter Menschenhändler, sondern in den Händen von Frauen. Sie sind Menschenhändlerinnen tagsüber und weinende Mütter nachts - Opfer und Täter in einer Welt ohne Hoffnung. Die Polizisten schauen zu und sind manchmal selbst am Handel beteiligt.

Kinder, die nicht verkauft werden, arbeiten an der Grenze. Border children heißen die Kleinen, die ihre Ware an den Casinos vorbeischleppen, die im Niemandsland zwischen Thailand und Kambodscha empor spriessen; hinüber auf den Markt in Thailand. Hunderte von Kindern, billiger als jeder Lastwagen. Viele kommen nicht zurück, da sie von Menschenhändlern entführt werden, die drüben warten. Berufsrisiko. Jahrelang wusste nur wenige, dass auf der thailändischen Seite jeden Tag Busladungen voller Menschen angeliefert werden. 800 bis 1000 Kambodschaner werden auf diese Weise jeden Monat von den thailändischen Behörden abgeschoben, die Hälfte davon Kinder. Die meisten laufen den Menschenhändlern an der Grenze direkt in die Arme und werden am selben Tag wieder zurücktransportiert. Man schätzt, dass 2000 bis 3000 Kinder seit Jahren immer und immer wieder verkauft werden.


Was momentan nicht nur in Poipet, sondern in ganz Südostasien stattfindet, sagt Sari Nisi von der International Organization for Migration in Phnom Penh, ist ein "gigantischer Menschenhandel".


Tausende von Frauen und Kindern werden jedes Jahr in dieser Weltgegend verkauft: als Prostitutierte, Bettler, Ehefrauen, Haussklaven und billigste Arbeitskräfte, als Konkubinen, Adoptivkinder und Ersatzteillager für Organe. 60 bis 80 Prozent der Handelsware sind weiblich, die meisten der Mädchen enden in der Prostitution. Jungen landen als billige Arbeitskräfte in Salzminen oder, weil sie so klein und leicht sind, als Jockeys für Kamelrennen in arabischen Ländern - immer mehr von ihnen allerdings auch in der Prostitution.


Nach dem Drogenhandel ist der weltweite Menschenhandel zur grössten Wachstumsbranche im globalen Verbrechen geworden. In den vergangenen 30 Jahren sollen in Asien 30 Millionen Kinder und Frauen allein in den Sexmarkt verkauft worden sein. Obwohl es keine zuverlässigen Daten gibt, schätzt man, dass weltweit jedes Jahr mindestens 700 000 Frauen und Kinder verkauft werden, ein Drittel davon in Südostasien. Wachsende Arbeitslosigkeit, Armut, Überbevölkerung, das sind die Faktoren, die immer mehr Frauen aus Ländern wie Kambodscha, Vietnam, Burma, Bangladesch, Indien, Nepal oder Pakistan in die Hände der Menschenhändler treiben - die meisten der Verkauften sind Analphabeten. Das von Bürgerkriegen zerrüttete Kambodscha entwickelt sich dabei zu einem der wichtigsten Umschlagplätze.


"Was hier passiert, ist jenseits von Sklavenarbeit", sagt Christoph Jakob von der Schweizer Organisation Goutte d'Eau, die seit zwei Jahren versucht, den Kreislauf des Menschenhandels in Poipet zu durchbrechen. Jeden Monat holen sie 20 kambodschanische Kinder im Immigration Detention Centre in Bankok ab, dem Knast der Heimatlosen. Früher oder später landen die von der Polizei aufgeklaubten Kinder alle dort.

Auch Sok lag dort einige Wochen auf dem nackten Steinboden, hinter riesigen Gitterwänden, zusammen mit Hunderten von Frauen und Kindern aus ganz Asien, die alle auf ihre Abschiebung warteten. Wie so viele war Sok nur deshalb so lange hier, weil sie nicht geredet hat, weil sie nicht gesagt hat, dass sie aus Kambodscha kommt. Die Menschenhändler hatten ihr das eingetrichtert, und aus Angst vor ihnen hat sie sich lange daran gehalten.

Zwölf Jahre war Sok, als sie von einem fremden Mann nach Hause gebracht wurde. Ein Mitarbeiter von Goutte d'Eau hielt sie und ein anderes Kind ganz fest an de Hand, als er mit ihnen über die Grenzstation in Poipet ging, vorbei an den Händlern, die sie am liebsten gleich wieder mitgenommen hätten. "Wir führen die Kinder absichtlich zu Fuß über die Grenze, damit sie spüren, dass wir sie nicht mehr loslassen", sagt Christoph Jakob. "Und, um den Menschenhändlern zu zeigen, dass wir keine Angst haben, dass wir uns jetzt um diese Kinder kümmern. Aber es sind bislang nur zwanzig Kinder von den paar Hundert, die Monat für Monat an der Grenze ausgesetzt werden." In einem Haus am Stadtrand werden die Zurückgeholten untergebracht, bis man einen Platz für sie gefunden hat - im besten Fall ihre Familien. "Die Kinder kommen mit Drogen vollgestopft an und sind extrem komisch drauf", sagt Jakob. In einer kleinen Schule lernen sie wieder Khmer, ihre Muttersprache. Es sei schon erstaunlich, wie schnell sie wieder zu Kindern werden, sagt Jakob, wie sie mit Stelzen spielen, miteinander reden und Bällen hinterherlaufen. "Und doch haben die meisten für immer Schäden. Sie haben kein Vertrauen mehr. Sie wurden ihr Leben lang angelogen, vor allem von den Eltern."


Auch Sok weiss, dass sie von ihren Eltern verkauft wurde. Und doch klammert sie sich an die Mutter, lächelt sie an, wenn sie erzählt, wie ihr die Menschenhändler wehgetan haben. Wenn sie von den 600 Bath redet, die sie am Tag "verdient" hat, schwingt auch Stolz in ihrer Stimme: sie, die älteste Tochter, Ernährerin einer ganzen Familie. Und dann ist da die Scham, die Angst, jemand könnte erfahren, was wirklich passiert ist. Bei der Frage, ob jemand sie in Bangkok angefasst habe, läuft sie aus der Hütte. Eine dreckige Frau ist auch in Poipet nicht viel wert. Als sie zurückkommt, lächelt Sok, es ist der verzweifelte Versuch, nichts falsch zu machen, sonst wird man vielleicht wieder weggeschickt.

Sieben von zehn Kindern, die von Goutte d'Eau aus Thailand geholt werden, kehren in ihre Familien zurück. Wo sollten sie auch sonst hin. Die Eltern müssen einen Vertrag unterschreiben, dass sie ihr Kinder nicht mehr verkaufen. Seit zwei Jahren läuft das Projekt, keines der von der Organisation betreuten Kinder ist seitdem wieder verschwunden. Ein Vertrag, ein offizielles Schriftstück, davor haben die Menschen Respekt. Man muss ihnen nach all den Jahren des Krieges erst wieder beibringen, was Recht und was Unrecht ist.

Vor einem Jahr hat Kambodschas Regierung begonnen, Frauen und Polizisten über die Gefahren des Menschenhandels zu informieren. Seit dieser Aufklärungskampagne geht die Zahl der Verkäufe zurück.

Im September 1999 wurde das erste Mal in Kambodscha einer Menschenhändlerin der Prozess gemacht. Sie wurde für den Verkauf von drei Kindern zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.


Chou und ihre Geschichte

Und doch gehört Sok zu denen, die Glück hatten. In einem stark bewachten Haus in Sisophon, ein paar Stunden landeinwärts von Poipet, werden - zur Zeit von Unicef - die Kinder betreut, die ihren Besitzern entkommen sind. 100 Kinder werden in diesem kleinen Haus Tag und Nacht bewacht - es ist das Haus der verkauften Kinder. Chou ist 12 Jahre alt. Fast ihr ganzes Leben lang war sie Eigentum anderer Menschen, eine Sklavin am Ende des 20. Jahrhunderts. Chou hat ein zerfleddertes Hemdchen an und große Narben auf den Oberarmen. Sie kann sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie von ihrem Vater verkauft wurde, und zwar auf Lebenszeit. Sie kann sich nur an alles andere erinnern. An die thailändische Familie, in der sie von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends arbeiten musste, sieben Tage die Woche. An den Mann, der sie ständig schlug und an einen anderen Mann verkaufte, der sie ständig vergewaltigte. Da war sie acht Jahre alt und dachte, dass es normal ist, jemandem zu gehören, Müll zu essen und bei Fieberschüben geschlagen zu werden. Irgendwann hatte man vergessen, sie einzusperren, dann ist sie doch zur Polizei gelaufen. Als sie ins Immigration Detention Centre in Bangkok kam, war sie dort im Gefängnis das erste Mal nach all den Jahren wieder frei. Doch der Mann, der 100 Mark für dieses Kind bezahlt hat, sucht seine Ware.

Wortlos zeigt Chou die Narben von den Elektroschocks, die man ihr verabreicht hat.

Jeden Morgen um 7 Jahr hat sie Sprachunterricht. Sie muss erst wieder lernen zu reden. Nur einmal sagt sie einen Satz: "Ich will zu meiner Familie zurück." Dann starrt Chou ins Nichts, als habe jemand den Schalter ausgestellt. Bislang hat sich noch niemand hier getraut, ihr zu sagen, dass sie nie wieder wie Sok neben ihrer Mutter sitzen wird - weil ihre Eltern sie nicht zurückkaufen können oder wollen. Das eigene Kind, eine unbezahlbare Ware.